„Vielleicht werden wir Freunde“

World Toughest Row. 43 Tage lang ruderte die Österreicherin Christiane Kienl mit drei Mitstreiterinnen über den Atlantik. Im Interview berichtet sie von guten Wetterfenstern, der Suche nach Herkules und der Erkenntnis, dass sich der Atlantik wenig für menschliche Pläne interessiert, man sich mit ihm aber dennoch anfreunden kann.
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Willkommen an Land! Ihr hattet im Vorfeld mit 45 bis 50 Tagen von La Gomera nach Antigua gerechnet. Am Ende wart ihr deutlich schneller.

Christiane Kienl: Genau, wir kamen nach 43 Tagen, 9 Stunden und 15 Minuten in der Karibik an. Die Bedingungen waren gut: Im ersten und letzten Drittel hatten wir ordentlichen Wind. Nur im Mittelteil gab es eine Flaute, da bewegte sich gar nichts. Das war zäh. Aber da wir zu Beginn noch die Ausläufer eines Sturmtiefs nutzen konnten, kamen wir insgesamt zügig voran. Im Schnitt schafften wir drei Knoten. Ohne zu rudern, wären wir mit etwa einem Knoten von Wind und Wellen angetrieben worden. Unser Einsatz brachte also zwei Knoten zusätzlich. Das klingt nach wenig, aber für uns macht das einen enormen Unterschied.

Habt ihr wirklich die ganze Zeit durchgerudert oder gab es Momente, in denen das Rudern nicht mehr sinnvoll war?

CK: So eine Situation hatten wir nie. Wir hatten nie direkten Gegenwind. Einmal umruderten wir ein großes Tief im Süden, das dann doch weiter nördlich durchzog. Dadurch entgingen wir dem Sturm, gerieten aber eben in eine Flaute. Wir mussten aber nie einen Treibanker werfen und komplett mit dem Rudern aufhören. Abgesehen von den Pausen für Essen, Boot putzen oder um Sternschnuppen zu schauen, haben wir wirklich durchgerudert.

Andere Teams hatten weniger Glück. Ein Teilnehmer musste nach einer Kenterung gerettet werden.

CK: Und es gab noch zwei weitere Evakuierungen wegen gesundheitlicher Probleme relativ am Anfang. Bei einer Ruderin war es sehr starke Seekrankheit. Da sie sich noch in Küstennähe befanden, konnte ein Helikopter rausfliegen. In so einem Fall zieht man diese Option natürlich.

Habt ihr solche Dinge während des Rennens mitbekommen?

CK: Ja, die Rennleitung macht alle zwei bis drei Tage einen telefonischen Check-in. Natürlich kommen auch Infos von Angehörigen. Die sehen über das Internet viel schneller, wenn irgendwo etwas passiert und etwas gepostet wird. In der Flotte weiß man im Prinzip immer Bescheid, wenn etwas passiert ist.

Hat euch das verunsichert?

CK: Wir waren natürlich froh, zu erfahren, dass der belgische Ruderer in Sicherheit gebracht wurde. Wir selbst waren zu diesem Zeitpunkt allerdings ganz woanders und nur noch fünf Tage vom Ziel entfernt. Wir wussten ja, wie stabil unsere Lage war. Auf See sind viele Wetterereignisse sehr lokal begrenzt. Einmal zog ein Gewitter knapp südlich an uns vorbei. Da sind wir kurz in die Kabine gegangen, bis es vorbei war. Wären wir nur zehn Meilen weiter südlich gewesen, wäre es ungemütlicher geworden. Solange man aber merkt, dass die Situation kontrollierbar ist, bleibt man ruhig.

Wie schützt man sich bei einem Gewitter auf so einem kleinen Boot?

CK: Wir haben zwei Schlafkabinen, in die jeweils zwei Personen passen. Wenn der Blitz direkt ins Boot einschlägt, sind unsere Elektrik und Navigation sowieso kaputt. Aber trotzdem ist es besser, nicht draußen zu sein. Nicht nur aus sachlichen, sondern auch aus psychologischen Gründen. Es ist einfach angenehmer, wenn man drinnen ist und abwartet.

Segler klagen oft über die Monotonie einer Überquerung. War dir auch mal langweilig?

CK: Das war vorher meine größte Sorge, aber Langeweile kam nie auf. Im Vergleich zum Segeln hatten wir ständig zu tun: Entweder man rudert, oder man hat in der Off-Schicht andere Aufgaben. Wasser machen, Wasser kochen, Essen vorbereiten. Und wenn man doch einmal Langeweile verspüren könnte, dann schläft man lieber, denn Schlaf ist knapp und man muss mit Schlafentzug umgehen. Eine echte Langeweile-Phase gab es für mich nie.

Dazu kommt, dass sich die Umgebung ständig verändert. Der Wind, die Wellen, die Wolken – nichts ist je ganz gleich. Und auch die Schichten ändern sich. Du denkst vielleicht: „Diese Schicht war gestern noch wunderschön zu rudern.” Zwei Stunden später oder am nächsten Tag ist jedoch alles anders, weil sich Wind und Wellen komplett verändert haben.

Wie habt ihr euch die Ruderschichten denn eingeteilt?

CK: Wir haben unsere Uhren nicht umgestellt und sind die ganze Strecke nach UTC gefahren. Da sich die Position täglich verschiebt, wandert man so durch die Tageszeiten. Eine Schicht, die anfangs in totaler Finsternis stattfand, verschiebt sich Tag für Tag nach hinten, sodass du plötzlich in der Sonnenuntergangsschicht sitzt.

Gab es eine bestimmte Zeit, die dir besonders gut gefallen hat?

CK: Ja, die Sonnenuntergänge waren wirklich besonders. Gerade im zweiten Drittel der Strecke, wenn die Sonne unterging und die Wolken unglaublich schön aussahen.

Aber auch die Nächte waren wunderschön und hatten ihren ganz eigenen Reiz. Sobald ich munter war und aus der Kabine gekrochen war, war es oft einfach schön, draußen zu sein. Drei Stunden lang den Sternenhimmel zu beobachten, Sternschnuppen zu sehen und sich bei jeder eine Sache zu wünschen, das war toll. Das hat schon etwas.

Manchmal haben wir in der Nacht auch das Navigationslicht ausgeschaltet, uns aufs Deck gelegt und die Sterne bewundert. Die Milchstraße, der Mond und die Veränderungen am Himmel waren wirklich eindrucksvoll. Ich hatte eine kleine Sternenkarte dabei und habe mir immer wieder vorgenommen, ein neues Sternbild zu suchen. Manche findet man sofort, andere immer wieder. Für Herkules habe ich eine ganze Woche gebraucht. Das war dann fast schon ein kleines Projekt. Auch mit den anderen gemeinsam: Such einmal das, such einmal jenes. Diese Nächte waren wirklich besonders.

Was hat dir am meisten gefehlt?

CK: Ganz klar: frisches Obst und Gemüse. Einfach mal in eine knackige Gurke beißen. Und die Bewegungsfreiheit. Auf dem Boot ist man permanent mit der Sicherheitsleine eingeklickt. Selbst wenn das WC nur zwanzig Zentimeter entfernt ist, musst du dich sichern. Das macht auf Dauer jede Kleinigkeit mühsam. Dieses ständige Ein- und Ausklicken, immer alles mitdenken. Da freut man sich dann schon, wenn das wegfällt.

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Wie habt ihr Weihnachten und Silvester verbracht?

CK: Wir haben beides ziemlich groß gefeiert. Zu Weihnachten hatte jede Geschenke für die anderen dabei. Wir haben ein Pause gemacht, Bescherung gehalten und sogar „Stille Nacht“ gesungen. Also wirklich volles Programm. Silvester war unser Badetag. Wegen der Flaute konnten wir in den Atlantik hineinhüpfen und das Boot putzen. Um Mitternacht haben wir eine Stunde lang gefeiert. Das absolute Highlight war die Biolumineszenz im Wasser: Immer wenn das Ruder eintauchte, leuchtete es wie ein Feuerwerk. Wir haben eine Stunde lang mit dem Wasser gespielt und geschaut, wer das größere Feuerwerk machen kann.

Entwickelt man auf einer so langen Reise Rituale?

CK: Ja, wir haben alles gefeiert, was man feiern kann: die erste Woche, die Mitte der Strecke, einen Geburtstag zu Beginn. Einmal pro Woche gab es Dosenpfirsiche – das war ein echtes Highlight. Ich hatte auch eine spezielle Brotzeit, von der ich mir einmal pro Woche etwas aufgehoben habe. Zur Halbzeit habe ich Manner-Schnitten verteilt, die ich extra für diesen Anlass mitgenommen hatte. Auf solche kleinen Highlights freut man sich enorm.

Apropos feiern. Wie war das Ankommen nach 43 Tagen?

CK: Gewöhnungsbedürftig. Zunächst fehlte mir mein schwankendes Bett, in dem ich hervorragend geschlafen hatte. Und dann musste ich mich natürlich erst wieder daran gewöhnen, an Land zu gehen. Die ersten 24 Stunden waren ziemlich heftig. Da bin ich wirklich noch hin und her geschwankt und habe darauf geachtet, dass ich nirgends dagegenfalle. Außerdem habe ich den Muskelabbau sehr stark gemerkt. Ab den Bauchmuskeln abwärts war ich deutlich schwächer. Am zweiten Tag hatte ich Muskelkater in den Unterschenkeln. Wir sind eben fast nur gesessen. Wenn wir zehn Schritte am Tag gemacht haben, war das viel.

War eigentlich alles so, wie du es dir vorgestellt hast?

CK: Eigentlich sogar besser. Natürlich hatten wir auch hohe Wellen und nicht jede Welle lief sauber unter dem Boot durch. Manche sind über uns hereingebrochen, da wird man eben nass. Gerade am Anfang muss man sich erst an drei bis vier Meter hohe Wellen gewöhnen. Das hat schon für Herzklopfen gesorgt. Aber irgendwann merkt man: Das Boot kann das. Wir können das. Wenn wir richtig sitzen und richtig reagieren, kippt es nicht um. Später hatten wir im letzten Drittel viele Kreuzwellen von der Seite. Die waren unangenehmer, weil sie unvorhersehbar sind – besonders nachts. Sie kommen gefühlt aus dem Nichts und krachen einfach ins Boot.

Ihr hattet Sicherheitsausrüstung wie das Garmin gpsmap 86i mit InReach und Leak Hero an Bord. Musstet ihr etwas davon tatsächlich verwenden?

CK: InReach haben wir ständig benutzt. Es war für die Außenkommunikation wichtig und auch für die Wetterdaten. Es war zugleich ein Backup und Teil der Sicherheitsausrüstung, weshalb es immer griffbereit sein musste und ständig eingeschaltet war.

Den Leak Hero haben wir ebenfalls verwendet. Es gab ein kleines Leck in der hinteren Kabine. Dieses Leck war aber nicht von unten, sondern offenbar bei einem Wasserablauf am Deck. Vermutlich ein kleiner Haarriss. Das haben wir dann gestopft. Bei den Trainingsausfahrten war das nicht aufgefallen, wahrscheinlich, weil wir dort einfach mit weniger Wasser konfrontiert waren. Auf dem Atlantik ist ständig alles nass, da fallen einem solche Dinge erst auf.

Würdest du es noch einmal machen? Oder vielleicht etwas Ähnliches? Über den Pazifik rudern?

CK: Ich habe natürlich darüber nachgedacht. Es war eine richtig, richtig gute Erfahrung. Gerade deshalb weiß ich nicht, ob ich das toppen möchte. Es gibt so viele Variablen, die man nicht beeinflussen kann. Vielleicht ist das Wetter beim nächsten Mal schlecht, vielleicht hat man ständig nur Regen oder Flaute, vielleicht treten Probleme mit der Teamdynamik oder es gibt einen medizinischen Notfall. Diesmal war die Erfahrung wunderschön, und so möchte ich sie auch in Erinnerung behalten.

CK: Hat dich die Zeit auf dem Atlantik verändert?

Ein Stück weit schon. Ich schätze jetzt ganz einfache Dinge noch mehr. Zum Beispiel die Vielfalt beim Essen. Dass ich in den Supermarkt gehen und einfach eine Gurke oder eine Paprika kaufen kann, ohne das Wochen vorher planen zu müssen. Oder dass ich trockene Socken habe, wann immer ich will. Dass ich entscheiden kann, ob ich gerade kalt, warm, nass oder trocken sein möchte.

Draußen auf dem Atlantik merkt man schon sehr deutlich die Kraft der Natur. Dort draußen wird einem klar, dass wir als Menschen eigentlich gar nichts zu sagen haben. Wenn der Atlantik einen schlechten Tag hat, ist es ihm ziemlich egal, wer du bist oder was für ein toller Mensch du vielleicht zu sein glaubst.

Man ist der Natur ausgesetzt. Das war für mich auch etwas Schönes. Es war nicht in jedem Moment angenehm, aber eindrücklich. Dieses Gefühl, einmal zu schauen, ob der Atlantik und ich über 43 Tage Freunde werden, war toll. Manchmal war er etwas zickig, manchmal war er ganz in Ordnung. Aber von dieser Begegnung mit der Natur in dieser Direktheit nimmt man auf jeden Fall etwas mit.